Schlafwandler – Auf Wanderschaft

Auf Wanderschaft im Tiefschlaf – Warum es Schlafwandler nachts aus dem Bett treibt

Im Schlaf gehen viele Menschen ungeahnten Aktivitäten nach. Während sich mancher nur die Bettdecke vom Leib strampelt, schwärmen Schlafwandler zu nächtlichen Spaziergängen aus. Selig schlummernd bewegen sie sich meist auf gewohnten Pfaden und machen Ausflüge zur Toilette oder zum Kühlschrank. Häufig nehmen die nächtlichen Touren allerdings riskante oder skurrile Auswüchse an: In der Augsburger Innenstadt etwa lief im Februar dieses Jahres ein 47-jähriger Schlafwandler nur mit T-Shirt und Unterhose bekleidet durch die eisige Winternacht. Wer nicht zufällig mittendrin aufwacht, weiß am nächsten Morgen nichts mehr von solchen Vorfällen.

Obwohl sich Schlafwandler aus dem Bett erheben, Türen öffnen oder sogar essen, schlafen sie während dieser Aktivitäten seelenruhig weiter. Schlafmedizinische Gehirnstrom-Messungen haben ergeben, dass sich Schlafwandler inmitten ihrer Tiefschlafphase befinden. Das jedenfalls berichtet Ingo Fietze, stellvertretender Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM) und Leiter des Schlafmedizinischen Zentrums der Berliner Charite. Deshalb zieht es die nächtlichen Ausflügler meist nur in der ersten Nachthälfte aus dem Bett, in der die Tiefschlafphasen besonders ausgeprägt sind.

Gründe

Bei der Suche nach den Ursachen des nachtaktiven Verhaltens tappt die Forschung noch weitgehend im Dunkeln. Der Hamburger Neurologe und Schlafmediziner Jürgen Hoppe geht davon aus, dass das Gehirn infolge eines nächtlichen Weckreizes nur teilweise erwacht. Während die für die Bewegung zuständigen Gehirnregionen aktiv würden, schlummerten die für Außenwahrnehmung und Bewusstsein zuständigen selig weiter. Nach Einschätzung der beiden Schlafexperten könnten seelische Probleme wie Stress oder ungelöste Konflikte die nächtliche Umtriebigkeit fördern. Außerdem seien hoher Alkoholkonsum, fiebrige Infekte, Schnarchen oder Schlafmangel bekannte Ursachen. Zudem trete das Phänomen in manchen Familien gehäuft auf. Schlafwandler fühlten sich außerdem oft von Lichtquellen angezogen — wahrscheinlich, weil ihre Augenlider leicht geöffnet sind und sie deshalb auf Lichtreize reagieren.

Besonders Kinder im Alter zwischen fünf und zwölf Jahren neigen laut Jürgen Hoppe zum Schlafwandeln. Nach DGSM-Angaben haben bis zu 30 Prozent aller Heranwachsenden zumindest eine kurze schlafwandlerische Phase. Bei den meisten endet diese ganz plötzlich mit Beginn der Pubertät. Nur etwa ein Prozent der Betroffenen leidet auch noch im Erwachsenenalter unter diesen Schlafstörungen. Der Hamburger Neurologe weist darauf hin, dass das kindliche Schlafwandeln meist harmlos sei. Bei Erwachsenen sollte man allerdings nach den Ursachen forschen.

Ein Grund für das häufige Schlafwandeln von Kindern könne sein, dass ihre Tiefschlafphasen länger dauerten als die von Erwachsenen. Darüber hinaus sei, so Hoppe, bei einigen betroffenen Kindern die Entwicklung des Gehirns noch nicht vollständig ausgereift.

Sicherheit

Mit der sprichwörtlichen „schlafwandlerischen Sicherheit“ ist es im Übrigen nicht weit her. Immer wieder gibt es Berichte von schweren Unfällen. Im Juni 2008 etwa stürzte im Oberbayerischen Unterhaching bei München eine 21-Jährige Frau beim Schlafwandeln aus einem Fenster im dritten Stock. Die junge Frau hatte Glück im Unglück und kam mit einem Beinbruch glimpflich davon. „Schlafwandler mit Hang zu solch riskanten Aktionen sollten unbedingt Vorkehrungen für ihre Sicherheit treffen“, betont der Hamburger Neurologe Hoppe. Dazu gehörten etwa Sicherungen an Türen und Fenstern. Auch scharfe Möbelkanten oder spitze Gegenstände sollten aus dem Umfeld entfernt werden.

Die Behandlungsmöglichkeiten der Schlafstörung sind begrenzt. Solange es keine Anzeichen dafür gebe, dass Schlafwandler für sich oder andere eine Gefahr darstellten, werde normalerweise von einer Therapie abgesehen, informiert Fietze. Im Zuge einer Behandlung werde zunächst versucht, äußere Einflussfaktoren wie Stress oder Schlafmangel zu vermeiden. Wenn Verletzungsgefahr bestehe oder die Patienten kaum noch erholsamen Schlaf fänden, würden die Tiefschlafphasen mithilfe von Medikamenten verkürzt.

Auch ein regelmäßiger Schlaf-Wach-Rhythmus könne zur Besserung beitragen. Vor allem aber sollte ständige Übermüdung vermieden werden. Einigen Patienten gelinge es, das Schlafwandeln mit guten Vorsätzen in den Griff zu bekommen. An diesen guten Vorsätzen könne man in einer Psychotherapie oder mit Entspannungsübungen arbeiten. Dazu der Hamburger Neurologe Hoppe: „Ein Vorsatz könnte lauten: Wenn meine Füße den Boden berühren, gehe ich wieder ins Bett zurück und schlafe weiter.“

Bei schlafwandelnden Kindern könne ein Wecken zu Beginn der Tiefschlafphase hilfreich sein, sagt Hoppe. „Etwa eine halbe Stunde nach dem Einschlafen weckt man das Kind vorsichtig und nimmt es liebevoll in den Arm.

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